Grußbotschaft Herr Bretschneider

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„Liebe Freunde des Friedens, liebe Schwestern und Brüder!
Herzliche Grüße und große Mitfreude  an Eurer Aktion, ein Schwert in ein Pflugschar umzu-
schmieden. Sie erinnert besonders an die Friedensdekaden 1980 und 1981.

Angesichts der damaligen Militarisierung in aller Welt aber auch in der DDR , schlug ich –
in Absprache mit meinen Freuden Hansjörg Weigel und Rudolf Albrecht – das Bibelwort
aus denn Propheten Micha 4,3 und Jesaja 2,4 als Thema und Grund unserer Hoffnung für
die 1. Friedensdekade vor. Angesichts der Belagerung Jerusalems durch den assyrischen
König Sanherib 701 v.Chr. hatten die Propheten dem judäischen König Hiskia als Gottes
Wort zu sagen:

„Gott wird richten unter großen Völkern und viele Heiden zurechtweisen in fernen
Landen. Sie werden ihre ‚Schwerter zu Pflugscharen‘ und ihre Spieße zu Sicheln machen.
Und es wird kein Volk wieder das andere das Schwert erheben, und sie werden hinfort
nicht mehr lernen Krieg zu führen“.

Weil junge Menschen Zeichen nutzen, um sich zu erkennen zu geben und zu positionieren,
erinnerte ich mich an die Plastik „Schwerter zu Pflugscharen“. Der ukrainisch-russische Bildhauer
Jewgenie Wutschetitsch schuf sie im Auftrag der Sowjetunion für die Weltausstellung 1958 in
Brüssel. Von seiner Babuschka, seiner Großmutter hatte er die biblische Geschichte gehört.
Der russische StaatsmannNikita Chrustschow ließ 1959 eine Kopie anfertigen, die er in New York
den Vereinten Nationen schenkte.

Deshalb entwarf ich für die erste Friedensdekade ein Lesezeichen „Frieden schaffen ohne Waffen –
Schwerter zu Pflugscharen“ mit der Abbildung der Plastik, den Bibelstellen und mit der Einladung
zur Friedensdekade, zur Friedensminute und Friedensgebeten. In Absprache mit den Kirchen in
der DDR, liess ich 100 000 Lesezeichen in Herrnhut auf Vlies drucken und verteilte sie über die
Landesjugendpfarrämter in alle Jungen Gemeinden in der DDR.
Weil die Jugendlichen die Lesezeichen auch in ihre Schulbücher legten und einige sie sogar auf
ihre Parka nähten, ließ ich für die 2. Friedensdekade 1981 mit dem Thema „Gerechtigkeit, Ab-
rüstung Frieden“ über 100 000 Aufnäher und 100 000 Lesezeichen ebenfalls in Herrnhut drucken
und verteilte sie auf dem gleichen Weg .

Dadurch erreichten die Lesezeichen und Aufnäher eine solche Öffentlichkeitwirkung, dass in den
Schulen durch die Schulleiter und auf den Straßen durch die Polizei geradezu eine „Jagd“ auf die
Zeichen gemacht wurde.
Grund für die politische Härte gegenüber den Trägern des Zeichens „Schwerter zu Pflugscharen
war eine Anordnung des  Ministers für Staatssicherheit, Erich Mielke, an alle Leiter der Dienstein-
heiten der Volkspolizei und der Volksbildung über
„Maßnahmen zur Unterbindung des öffentlichen Tragens und Verbreitens von Abzeichen,
Aufnähern, Aufklebern, sonstigen Gegenständen, Symbolenund Texten mit pazifister Aussage“.
Darin hieß es:
„Im Zusammenhang mit soganannten Friedensinitiativen der evangelischen Kirche werden
  besonders von auf oppositionellen Positionen stehenden oder politisch schwankenden und
  teilweise auch negativ-dekadenten Jugendlichen/Jungerwachsenen demonstrativ Abzeichen,
  textile Aufnäher u.a. mit pazifistischer Aussage sichtbar an Bekleidungsgegenständen angebracht.
  Sie verfolgen das Ziel, sich mit der von reaktionären kirchlichen Kräften popularisierten Idee
  von einer sogenannten staatlich unabhängigen Friedensbewegung in der DDR zu solidarisieren
  und ihre oppositionelle und ablehnende Haltung, insbesondere zur sozialistischen Verteidigungs-
  politik, damit offen zum Ausdruck zu bringen. ….
  Durch die Leiter der Bezirksverwaltungen des MfS ist zu gewährleisten, dass die vorgenannten
  Maßnahmen in geeigneter Form mit tschekistischen Mitteln wirksam unterstützt und durch
  kluges, differenziertes Handeln Konfrontationen vermieden werden. …“

Ich bin sehr dankbar, dass sich die Konferenz der Kirchenleitung des Bundes und die Synoden der
Landeskirchen sich hinter die Jugendlichen und zu dem von ihr gebilligten Symbol gestellt haben.

Aber besonders danke ich den Jugendlichen für ihren Mut und ihren Einsatz mit dem sie
„Schwerter zu Pflugscharen getragen und gegenüber Lehren und Polizisten verteidigt haben.

Es war und ist atemberaubend und hat etwas mit der Kraft der biblischen Botschaft zu tun, wie
Schüler, Lehrlinge und Studenten mit Zeichen der Friedensdekade „Schwerter zu Pflugscharen“
das Friedenszeugnis der Bibel so ins Gespräch gebracht haben, dass Menschen in den Schulen
und auf den Straßen zu sprechen begannen und in der Öffentlichkeit darüber diskutiert und die
Ideologie der Militarisierung hinterfragt wurde.

Bis heute bewegt es mich, wie Jugendliche besonnen und reif, um ihres Friedenszeugnisses willen,
Schwierigkeiten auf sich zu nehmen, ja sogar zu Leiden bereit waren, und gegen alle Resignation
unverdrossen versucht haben, dem dem biblischen Friedenszeugnis Hände und Füße zu geben.

Letztlich sage ich „Gott sei Dank“! Die Verkündigung weckte verbindlichen Glauben. Dieser
führte zu ethischen Konseuenzen im persönlichen Leben und ermutigte zu Zivilcourage. Das
Das Bibelwort „Schwerter zu Pflugscharen“ brachte die Diktatur ins Wanken. Daraus entwickelte
sich der Ruf und die Haltung „Keine Gewalt“, die 1989 zur „Friedlichen Revolution“ führte.
In der Ökumenischen Versammlung hatten Vertreter der Kirchenleitungen und der Gruppen
auf die Formulierung der „vorrangigen Option gewaltloser Konfliktbewältigung“ verständigt.

Dieser Geist ist in der Bevölkerungnoch gegenwärtig! Wir tun gut daran, wenn wir auch
angesichts der gegenwärtigen Situation und Weltlage an der „vorrangigen Option gewaltlose
Konfliktbewälitung festhalten! Denn Jesus sagt: „Selig sind die Sanftmütigen, denn sie werden
das Erdreich besitzen.“

Es grüßt ganz herzlich Euer
Harald Bretschneider