Rede Jürgen Lösche

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              Rede Veranstaltung 09.11.2025 „Aktionstag für den Frieden“

Zu Beginn der 80 er des letzten Jahrhunderts lebten die Menschen in West und Ost in großer Sorge angesichts einer wachsenden Kriegsgefahr. Es war die Zeit der Blockkonfrontation, ungebremsten Aufrüstung und Militarisierung.Um dem etwas entgegenzusetzen, wurde 1980 die erste FriedensDekade in der DDR vorbereitet. Der ehemalige Landesjugendpfarrer von Sachsen, Harald Bretschneider, hatte die Idee, das Motto „Frieden schaffen ohne Waffen“ mit dem Symbol „Schwerter zu Pflugscharen“ zu verbinden und entsprechende Aufnäher anfertigen zu lassen. Er hat uns für unsere heutigen Veranstaltung eine Grußbotschaft geschickt, in der er die Ereignisse und Hintergründe von damals schildert. Diese Grußbotschaft wird später Pfarrer Wittkopf verlesen.Das Symbol „Schwerter zu Pflugscharen“ war für die DDR-Führung so gefährlich, dass es wenig später quasi verboten wurde. Diejenigen, die diese Aufnäher trotzdem trugen wurden verfolgt                                                                       

Deshalb organisierte der Pfarrer von Wittenberg und Bürgerrechtler Friedrich Schorlemmer als Gegenreaktion, das Umschmieden eines Schwertes zu einer Pflugschar. Er sagte in diesem Zusammenhang: „Wenn man das Zeichen nicht mehr zeigen kann, wollen wir zeigen, wie man es macht!“

Es waren vor allem junge Leute die sich am Abend des 24. Septembers 1983 im Lutherhof in Wittenberg versammelt hatten und jeden Schlag auf das Schwert bejubelten. In den Pausen, in denen das Schwert im Feuer lag, sangen sie Friedenslieder, u.a. auch ein Lied mit folgendem Text: „Ein jeder braucht sein Brot, sein Wein und Frieden ohne Furcht soll sein. Pflugscharen schmelzt aus Gewehren und Kanonen, das wir in Frieden beisammen wohnen.“                                                                                                                                    

Wer hätte wohl nach der Wende gedacht, dass dieser Liedtext heute wieder aktueller denn je ist?

Und wer hätte wohl gedacht, dass in Deutschland der diesjährige Westfälische Friedenspreis an die Nato verliehen wird. Das ist keine Satire oder Fake News und stammt auch nicht aus der Feder von Orwell. Nein, das ist die Realität in der wir leben. Der Westfälische Friede 1648 beendete den 30 – jährigen Krieg durch einen Interessenausgleich zwischen allen beteiligten Parteien.  Er verkörpert eine Glanzleistung der Diplomatie und des Verhandlungsgeschicks. Ich frage mich da ernsthaft, was hat da die Jury um Friedrich Merz, Siegmar Gabriel und Cem Özdemir zu dieser Preisverleihung ausgerechnet an die Nato bewogen? Der historische Bezug kann es beim besten Willen wohl nicht gewesen sein! Man könnte eher den Eindruck gewinnen, sie verleihen sich diesen Preis selbst, um sich selbst zu beweisen, dass ihre Politik über jeden Zweifel erhaben ist! Das wäre dann lediglich ein Akt der Selbstvergewisserung! Und dafür bekommt die Nato 100.000 Euro Preisgeld? Wenn es noch eines Beweises für die Notwendigkeit unserer heutigen Veranstaltung bedurft hätte, mit dieser Preisvergabe wurde er geliefert.

Aber schauen wir noch einmal kurz in das Jahr 1983 zurück.

Es war das Jahr, in dem die Welt zweimal knapp der Katastrophe eines Atomkrieges entging. Am 23.09.1983 hätte ein Fehlalarm eines sowjetischen Aufklärungssatelliten fast zu einem atomaren Gegenschlag der Sowjetunion geführt. Nur dem besonnen Handeln eines sowjetischen Offiziers ist es zu verdanken, dass das atomare Inferno verhindert wurde.

Wenig später, im November 83, führten Missverständnisse und fehlende Kommunikation im Zusammenhang mit einem Nato-Manöver, dazu, dass man auf sowjetischer Seite mit einem atomaren Erstschlag der Nato rechnete und deshalb einen atomaren Gegenschlag vorbereitete. Bomber mit scharfen Atomwaffen sollen startbereit nördlich von Berlin gestanden haben. Als der amerikanische Präsident Ronald Reagan darüber informiert wurde, war er konsterniert und begriff, dass die Welt am Abgrund wandelt! Er leitete sofort Maßnahmen der Deeskalation ein. Später traf er sich mit Gorbatschow in Reykjavik und es begann eine Zeit der Abrüstung und Entspannung, die letztendlich auch zur deutschen Einheit führte. Das Gespenst eines Krieges in Mitteleuropa schien ein für alle Mal besiegt zu sein.

Leider hat sich diese Hoffnung nicht erfüllt.

Vor mehr als 3,5 Jahren marschierte Russland völkerrechtswidrig in die Ukraine ein und seitdem tobt wieder ein Krieg in Europa. Meiner Meinung nach, hätte dieser Krieg mit etwas Vernunft und Kompromissbereitschaft noch Anfang Januar 2022 verhindert werden können. Eine große Chance diesen Krieg wenigstens nach 2 Monaten zu beenden, ergab sich durch die Friedensverhandlungen in Istanbul im April 2022. Auch diese Chance wurde vertan. Die Schuld dafür kann man keinesfalls allein bei Putin suchen!

Seitdem sind Hundertausende gestorben, die Ukraine wird immer mehr zerstört und die Gefahr eines Flächenbrandes in ganz Europa wächst.

Der Wille für einen Verhandlungsfrieden scheint heute auch nach mehr als 3,5 Jahren Krieg, trotz aller Bemühungen von Trump, auf beiden Seiten sehr gering zu sein. Jede Seite verfolgt weiter das aussichtslose Ziel, die andere Seite zu besiegen.

Deshalb wird mit einer gigantischen Verschuldung aufgerüstet und jede Seite unterstellt der anderen die schlimmsten Absichten!

Es gibt Stimmen, die davon ausgehen, dass der Krieg noch 2 – 3 Jahre weitergeht! Das hieße in der grausamen Realität, dass an der Front weiter um jeden Quadratmeter gekämpft und gestorben wird. Die Russen weiter die ukrainische Infrastruktur und die Ukrainer weiter die russischen Raffinerien und Industrieanlagen zerstören. Auch da sind zivile Opfer zu beklagen.

Für die europäischen Unterstützer der Ukraine bedeutet das, eine weiterwachsende Schuldenlast, fehlendes Geld für Bildung und Zukunftsinvestitionen, sinkende Wirtschaftsleistung und sinkender Wohlstand.

Und das alles, weil wir glauben zu wissen, dass Putin uns angreifen und erobern will? Auf der anderen Seite dagegen glaubt man zu wissen, dass der kollektive Westen Russland eine strategische Niederlage zufügen will.

Beide Seiten fühlen sich bedroht. Deshalb wird verbal und militärisch aufgerüstet, um den Gegner abzuschrecken. Das verstärkt auf beiden Seiten die Überzeugung einem unversöhnlich feindlichen Gegner gegenüberzustehen, den man nur mit Gewalt stoppen könne, und treibt so die Eskalationsspirale weiter an.

Das Ganze wird militärgeschichtlich als Sicherheitsdilemma bezeichnet! 

 Wäre es da nicht vernünftiger, bevor wir uns endgültig wirtschaftlich ruinieren oder durch einen Krieg zerstören, wenigstens einmal einen ernsthaften Versuch zu wagen, mit Russland über die gegenseitigen Sicherheitsinteressen zu reden? Das wäre dann wirklich eine Politik im Geiste des Westfälischen Friedens und könnte der Ausgangspunkt für eine Verhandlungslösung im Ukrainekrieg sein.

Wir müssen doch auch in Zukunft mit Russland in Europa zusammenleben, ob wir wollen oder nicht! Die Initiative da allein Trump zu überlassen und nur von der Seitenlinie reinzugrätschen, ist keine kluge Strategie!

Warum erinnern sich die heute handelnden Politiker nicht an Reagan, Gorbatschow und Kohl, die ab 1985 aus der Eskalationslogik ausbrachen, die Sicherheitsinteressen der jeweils anderen Seite ernst nahmen, das Sicherheitsdilemma überwanden und den Traum von einem friedlichen Europa in die Realität umsetzten.

Heute wird die Entspannungspolitik als großer Fehler dargestellt. Das sehe ich ganz anders. Es war nicht die Entspannungspolitik, die zu diesem Krieg in der Ukraine geführt hat, sondern die vor etwa 20 Jahren begonnene Abkehr von der Entspannungspolitik!

Zur Entspannungspolitik, ich könnte auch sagen, zum Frieden gibt es keine Alternative. Entspannungspolitik ist kein Appeasement, sondern, im Zeitalter von Atomwaffen, ein Akt der Vernunft!                                                         

Von Thomas Mann stammt das Zitat: „Krieg ist nichts als Drückebergerei vor der Aufgabe des Friedens“

Den politischen Entscheidungsträgern möchte ich deshalb zurufen, ihr seid nicht für Drückebergerei in Regierungsverantwortung gewählt worden!  Habt Mut, übernehmt Verantwortung und rüstet verbal ab. Denn mit einer aggressiven Wortwahl setzt man sich selbst unter Druck, diesen aggressiven Worten auch aggressive Taten folgen zu lassen!

Geht stattdessen auf den Feind zu und sucht den Dialog!                                                                                                      

Dann haben wir wieder eine Chance, dass der Frieden den Krieg besiegt!

„Kommt den Frieden wecken!“ so lautet das Motto der diesjährigen Friedensdekade.

Was wäre dazu besser geeignet, wie die Hammerschläge, die ein Schwert zu einer Pflugschar umschmieden.                                                                                        

Deshalb sollen diese Hammerschläge auch die Menschen wecken und aus dem süßen Traum des Verdrängens reißen!                                                                            

Unsere Politiker sollen sie an ihre Verantwortung für den Frieden erinnern!

Deshalb Schmied, beginne mit Deiner Arbeit, schlage auf das Schwert und lass die Hammerschläge erklingen!

Jürgen Lösche